Kirsten Slottke - Autorin

 

Was sind Mauslinge?


Mauslinge sehen ähnlich aus wie Mäuse. Aber verwechselt sie auf keinen Fall mit ihnen! Sie sind um einiges größer. Kommt jetzt aber nicht auf die Idee, dass es sich um Ratten handelt. Solltet ihr Mauslinge mit Ratten verwechseln, reagieren sie ziemlich sauer. Denn dieses Ungeziefer, wie Mauslinge sagen, können sie überhaupt nicht leiden. Passt genau auf, was ihr sagt, wenn einer der wuseligen Mauslinge in eurer Nähe ist. Sie verstehen jedes eurer Worte. Genau, ihr habt richtig gelesen. Und sie können noch viel mehr.

Die kleinen Tiere besitzen ganz besondere Eigenschaften. Sie werden steinalt, können nicht nur alle Tiere und Menschen verstehen, sondern sogar mit ihnen sprechen. Aber nur, wenn sie wollen. Mauslinge leben überall auf der Welt. Vielleicht seid ihr ihnen sogar schon einmal begegnet. Sie sind zur Stelle, wenn Tiere und Menschen in Not geraten. Dann tun sie ihr Möglichstes, um zu helfen. Alle Mauslinge können äußerst gut sehen, riechen und hören, und die meisten von ihnen sind sehr stark. Manche können hellsehen, einge zaubern. Dass ein Mausling ganz viele Fähigkeiten besitzt, ist äußerst selten, kommt aber durchaus vor.

Die Mauslingsfamilie unter der Eiche neben Bauer Wittigs Acker bekommt demnächst Nachwuchs. Lasst uns dort mal vorbeischauen.

 

...

 

 

Alle Mitglieder seiner Familie standen in einem Kreis vor der riesigen Eiche. Fortikulus hob den Blick zu einer großen, runden, silbern leuchtenden Scheibe, die vom Himmel auf sie herab zu schauen schien. Das musste der Mond sein, von dem Oma Hilda ihnen erzählt hatte.
Im nächsten Augenblick schob sich ein Schatten vor das Mondgesicht und er erschrak. Ein Ungetüm von einem Vogel verdeckte die Scheibe mit seinen großen Schwingen und flog lautlos zur Erde, wo er direkt vor Fortikulus landete. Tapfer blieb dieser stehen, bohrte seine Pfoten in den Grasboden und streckte dem Uhu trotzig den Kopf entgegen.
„Uhuuu“, klang es schauerlich über die Lichtung.
„Uhuuu – wahrlich ein tapferer Mausling – uuhuu – da habe i - hich hier ganz andere Mau – hauslinge erlebt.“
„Natürlich. Deshalb erhielt er den Namen Fortikulus. Er ist von Geburt an mutig und stark.“ Eine glockenklare Stimme schallte über sie hinweg, und eine helle Kugel, von der diese Stimme kam, schwebte vom Kopf des Uhus herab. Kaum hatte sie den Boden berührt, vergrößerte sie sich langsam und es wurde beinahe taghell. Kleine Lichtpunkte lösten sich aus der Kugel und flogen in alle Richtungen davon. Zurück blieb ein seltsam hellblau schimmernder Ring, der eine kleine zarte Frau umgab. Sie war nur wenig größer als der Uhu. Lange, silberne Haare umgaben ihren Kopf, auf dem sie einen Kranz aus funkelnden Sternchen trug. In der rechten Hand hielt sie einen Stab, an dessen Ende ein leuchtender Mondstein hing. Wenn er bewegt wurde, ertönte ein leises und helles Klingeln.
Fortikulus konnte den Blick nicht von dieser schönen Gestalt abwenden. Sprachlos und reglos stand er vor ihr. Doch war er nicht der Einzige, dem es so erging. Die kleine Frau lachte glockenhell.
„Hat es euch die Sprache verschlagen?“
„Verzeih, liebe Nachtfee“, antwortete Mama Paula. „Aber es ist jedes Mal überwältigend, wenn du zu uns kommst.“

 

 

Wieder hallte ein Lachen, wie aus tausend kleinen Glöckchen, durch die Nacht. Dann winkte die Fee den kleinsten Mausling zu sich, der sofort zu ihr hüpfte und sich auf seine Hinterbeine setzte.
„Fortikulus Mausling. Ja. Das ist der richtige Name für dich. Doch nicht nur Stärke und Mut werden zu deinen Eigenschaften zählen. Auch ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn.“
Der Uhu flüsterte der Nachtfee etwas zu, doch so sehr Fortikulus auch seine Ohren spitzte, konnte er nichts verstehen. Die Fee nickte bedächtig und wandte sich ihm erneut zu.
„Mein treuer Freund Bubo hat recht. Fortikulus vereint mehrere besondere Eigenschaften in sich. Noch mehr als die, die ich schon erwähnte. Allerdings soll er diese selbst herausfinden. Zumal sie nicht alle auf einmal in Erscheinung treten werden.“ Sie hatte bei ihm auch einen gewissen Hang zum Leichtsinn verspürt, was sie allerdings verschwieg. Er musste seine eigenen Erfahrungen machen und aus diesen lernen. Die Nachtfee räusperte sich, doch klang es eher, als würde man die Saiten einer Harfe zupfen.
Dann erhob sie ihren Stab über den Kopf des kleinen Mausling. Der Mondstein leuchtete heller und heller, bis sich ein kleiner Stern aus seinem Innern löste. Er schwebte auf Fortikulus zu, der sich nicht traute sich zu bewegen, und umkreiste ihn langsam. Schließlich legte er sich auf dessen Brust leuchtete nochmals ganz hell auf und verschwand. Augenblicklich verspürte Fortikulus eine angenehme Wärme und ein leichtes Kribbeln in seiner Brust, das nach und nach immer weniger wurde. Die Nachtfee lächelte.
„Du wirst deinen Stern im Herzen stets bei dir tragen. Sei dir sicher, dass dieser kleine Stern dir ein treuer Begleiter sein wird, kleiner Fortikulus Mausling.“

 

 

Copyright Kirsten Slottke, 2015