Kirsten Slottke - Autorin

 

PROLOG

Donnerstag, 13. Mai 2010, 19.00 Uhr

Felix Kruse kam von der Arbeit nach Hause, warf die Wohnungstür

hinter sich zu und seinen Rucksack auf den Fußboden. ›Scheiß Job!‹,

dachte er. ›Den ganzen Tag freundlich und höflich sein und kein Geld

dafür kriegen.‹

Er ging in sein kleines Badezimmer, um sich die Hände und das Gesicht

zu waschen. Unzufrieden schaute er in den kleinen, halb blinden

Spiegel, der über dem Waschbecken hing. Seine Lippen verzogen sich zu

einem schmalen Strich. Für Mitte Mai war es lausig kalt, sodass er

keine Lust hatte zu duschen, zumal die Heizung in dem kleinen Bad

nicht richtig funktionierte. Er schob den Kopf unter den Wasserhahn

und ließ warmes Wasser darüber laufen. Das Wasser lief ihm über das

Gesicht. Das fühlte sich unangenehm an, weshalb er sich rasch wieder

aufrichtete und seine Haare mit einem Handtuch trocken rubbelte. Dann

starrte er erneut in den kleinen Spiegel, als wäre er nun zufriedener

mit dem, was er sah. Braune Augen starrten kühl zurück. Die

dunkelblonden Haare standen struppig in alle Richtungen ab. Es war ihm

egal.

Kruse warf das Handtuch auf einen kleinen Badschrank und sah zu,

wie es, der Schwerkraft folgend, sofort wieder herabrutschte. Er

machte eine wegwerfende Handbewegung, ging in die Küche und nahm sich

ein Bier aus dem Kühlschrank. Die halbe Flasche leerte er in einem

Zug. Dann rülpste er laut. Das Bier war ihm heute fast zu kalt, aber

ohne dieses herrliche Getränk war der Feierabend für ihn kein

richtiger Feierabend. Er hatte absolut keine Lust gehabt, im Keller

ein wärmeres Bier zu holen. Nun sah er aus dem Küchenfenster. Die

Aussicht war wenig aufmunternd, da er nur auf die Wand des

Nachbarhauses blickte. ›Scheiß Job – scheiß Wohnung! Ich muss mich

nach einem anderen Job umsehen, bei dem ich wenigstens etwas mehr

verdiene.‹ Unzufrieden dachte er an die kleine Blonde, die ihn am

vergangenen Samstag in der Diskothek am Rossmarkt abserviert hatte.

›Wäre ich reich, hätte sie mich sofort in ihr Bett gelassen.‹ Bei

Frauen hatte er noch nie Glück gehabt. Auf so einen eher

unterdurchschnittlichen Mann fuhren die Frauen einfach nicht ab. Und

mit seinen ein Meter fünfundsechzig Körpergröße zählte er zudem noch

zu den kleineren Männern. Ständig haderte er mit seinem Aussehen und

seinen Möglichkeiten. Zu seinen Eltern hatte er schon als Jugendlicher

jeglichen Kontakt abgebrochen. Sein Vater war ständig betrunken und

seine Mutter hing nur vor dem Fernseher herum. Ihnen gab er die Schuld

daran, dass aus ihm nichts geworden war. Wenn er an seine Eltern

dachte, fühlte er reinen Hass.

Kruse musste auf einmal lachen, trank noch einen Schluck Bier und

erinnerte sich an den bisher besten Tag seines Lebens zurück. Er hatte

schon des Öfteren ältere Damen um ihre Handtaschen und Geldbörsen

gebracht. Das hatte ihm ein paar Kröten mehr oder weniger eingebracht,

um sein ›Gehalt‹ aufzustocken. Vor einem halben Jahr hatte er wirklich

Glück gehabt. An besagtem Montag Nachmittag war er ziellos durch das

Frankfurter Börsenviertel gelaufen, als ihm plötzlich eine ältere Frau

auffiel. Sie war nicht besonders auffällig gekleidet und auch nicht

sonderlich schick. – Nein. Einfach durchschnittlich. Er hatte sie auf

Anfang bis Mitte sechzig geschätzt. Sie kam gerade aus der Sparkasse

an der Hauptwache, schaute sich kurz um und lief dann zielstrebig los.

Irgendetwas hatte sie an sich, was ihn stutzig gemacht hatte und so

folgte er ihr so unauffällig wie möglich. Da es an diesem Tag ziemlich

kalt war, fiel es auch nicht weiter auf, dass er sich seinen Schal um

die untere Gesichtshälfte band.

Als die Frau gerade in ihr Auto, einen neuen Mercedes SL, steigen

wollte, ging er rasch auf sie zu. Er entriss ihr blitzschnell die

Handtasche und rannte davon, ohne sich umzusehen. So schnell wie

möglich suchte er die U-Bahn-Station an der Hauptwache auf und

verschwand in der Menschenmenge. Erst zu Hause traute er sich, in die

Tasche zu sehen. Und würde er nicht auf seinem Sofa gesessen haben,

dann hätte es ihn glatt umgehauen: Da waren doch tatsächlich

zehntausend Mäuse in der Tasche gewesen. – Zehntausend Euro bares

Geld!

Von einem Teil des Geldes hatte er sich schicke Klamotten gekauft

und sich dann ins ›King Kamehameha‹, eine der nobleren Diskotheken,

begeben. Sorgen, dass ihn dort jemand erkannte, brauchte er sich nicht

zu machen. Er konnte es sich normalerweise nicht leisten, Diskotheken

der gehobeneren Klasse zu besuchen. Dort genehmigte er sich einen

Drink. Während Kruse an dem Glas nippte, beobachtete er die

Anwesenden. Seine Aufmerksamkeit wurde rasch von einer hübschen,

kleinen Brünetten gefesselt. Er spendierte ihr etliche teure Drinks

und ließ sie einen Blick in seine gut gefüllte Geldbörse werfen. Nach

kurzer Zeit hatte er es geschafft, sich an sie ranzumachen und sie

abzuschleppen. Die Nacht, die er mit ihr im Hilton verbracht hatte,

war einfach supergeil gewesen. Am nächsten Tag wurde er zwar rasch von

der Realität eingeholt, als er ihren abwertenden Blick auf seinen

Bauchansatz bemerkte. Nichtsdestotrotz sehnte er sich nach solchen

Nächten. Leider hatte er das Geld schnell aufgebraucht und ein

derartiger Glücksgriff war ihm seither nicht mehr gelungen.

Kruse griff seufzend nach der Zeitung mit den letzten

Stellenanzeigen. Es musste doch irgendeinen Job geben, aus dem mehr

herauszuholen war, als der normale Lohnzettel! Bei zwei oder drei

Banken und auch bei professionellen Wachdiensten hatte er sich

deswegen in der jüngeren Vergangenheit schon als Wachmann beworben.

Allerdings hatte er nur Absagen erhalten. Die Mindestanforderung an

Bewerber war ein Schulabschluss, doch Kruse hatte die Hauptschule

vorzeitig abgebrochen. Am Besten wäre es, wenn er fürs Geld überhaupt

nicht mehr arbeiten musste. – Davon träumte er. Und genau dies hatte

er bei allen Tätigkeiten im Hinterkopf. Man wusste nie, wann sich eine

Gelegenheit auftat. – Wie er an Geld kam, war ihm scheißegal.

Eine Stellenanzeige hatte er sich angestrichen. Es ging dabei zwar nur

um eine Hausmeisterstelle in einem physikalischen Institut. Aber

vielleicht könnte er dort ja irgendein Forschungsgeheimnis in

Erfahrung bringen und dies dann gewinnbringend verkaufen. Wenigstens

hätte er dort nicht ständig einen Haufen fremder Leute um sich herum,

die er zu allem Überfluss nett und höflich behandeln musste. Kruse las

sich die Anzeige noch mal durch und nickte. Einen Versuch wäre es

sicher wert.

Er trank sein Bier aus, stellte die leere Flasche auf die

Küchenarbeitsplatte, holte sich eine neue aus dem Kühlschrank und

öffnete sie sofort. Dann ging er durch eine zweite Tür in das

danebenliegende Zimmer, welches Wohnzimmer und gleichzeitig auch sein

Schlafzimmer war. Wie hasste er diese kleine, schäbige Wohnung in

Enkheim! Kruse wollte sich gerade in den Sessel fallen lassen, als er

stutzte. – Auf dem Wohnzimmertisch lag ein Blatt Papier! Neben dem

Blatt lagen drei Fünfzigeuroscheine! Diese Dinge hatte er dort

eindeutig nicht hingelegt. Er schaute sich vorsichtig um, ging zurück

in die Küche und von dort aus in den kleinen Flur. Dann warf er einen

kurzen Blick ins Badezimmer. Außer ihm befand sich niemand in der

kleinen Wohnung. Langsam und vorsichtig näherte er sich dem

Wohnzimmertisch. Irgendwie war ihm mulmig zumute. Da er diese Sachen

nicht dort abgelegt hatte, musste es jemand anderes gewesen sein. Die

Tatsache, dass sich ein Fremder in seiner Wohnung aufgehalten hatte,

machte ihn nervös. Doch die Neugier siegte, zumal dieser Fremde Geld

hiergelassen hatte. Auf dem Blatt stand in Computerschrift in

Blockbuchstaben irgendetwas geschrieben, was er allerdings aus seiner

stehenden Position nicht entziffern konnte. Kruse setzte sich langsam

auf die Couch, nahm das Blatt Papier in die Hand und las:

»ICH KENNE DICH GENAU UND ICH WEISS, WAS DU WILLST. DARUM TU GENAU, WAS ICH DIR SAGE: RUF SOFORT DEINEN KOLLEGEN MARTIN AN UND GEH MIT IHM IN EINE GUT BESUCHTE KNEIPE. KOMM AUF KEINEN FALL VOR MITTERNACHT HEIM. WENN DU WILLST, DASS DEINE GEHEIMSTEN WÜNSCHE IN ERFÜLLUNG GEHEN, TUST DU, WAS ICH DIR SAGE. VERBRENNE DIESEN ZETTEL SOFORT UND MACH DICH AUF DEN WEG. ICH BIN WIE DU. ES WIRD SICH FÜR DICH LOHNEN!«

Er schluckte, als ob er einen dicken Kloß im Hals hätte, und trank

seine zweite Flasche Bier mit einem Zug leer. Dann ging er zum

Wohnzimmerschrank und genehmigte sich einen kräftigen Schluck Schnaps

direkt aus der Flasche. Den brauchte er jetzt. Kruse spürte, wie der

Schnaps heiß durch seine Kehle in den Magen lief. Er reizte seine

Kehle, sodass Kruse husten musste. Lange brauchte er nicht zu

überlegen. Für Geld tat er so ziemlich alles, solange er Spaß dabei

hatte. Nachdem er sich eine Zigarette angesteckt hatte, hielt er das

Streichholz unter das Papier und sah zu, wie es im Aschenbecher

verbrannte. Er zog kräftig an seiner Zigarette, dann steckte er sich

das Geld ein und rief Martin an. Dieser hatte, da ebenfalls

ungebunden, noch nichts vor und freute sich darauf, am heutigen

Vatertag noch ein wenig zu feiern. Dass weder er noch Martin Kinder

hatten, war kein Hinderungsgrund.

 

Donnerstag, 13. Mai 2010, 20.30 Uhr

Der Direktor des Senckenbergmuseums in Frankfurt am Main, Alfred

Mettmann, drehte seine letzte Runde. Seine Frau war im vergangenen

Jahr an Brustkrebs gestorben. Seitdem war dies sein abendliches Ritual

geworden, bevor er sich auf den Heimweg machte. Zu Hause wartete nur

eine leere Wohnung auf ihn, weshalb er es nicht eilig hatte,

heimzukommen. Er begann seinen Rundweg im dritten Stockwerk des großen

Museums bei den ausgestopften Tieren. Sein letzter Weg führte ihn wie

immer zu den Dinosaurierskeletten im Erdgeschoss. Er lief von der

Eingangshalle aus den kleinen Gang entlang und ging gemächlich die

wenigen Stufen hinunter in die Dinosaurier-Halle. Dabei musste er an

seinen fünfjährigen Enkel denken, der von Dinosauriern fasziniert war.

Mettmann schmunzelte. Sein Sohn hatte heute, bestimmt schon zum

fünften Mal in diesem Jahr, mit seiner Familie das Museum besucht.

Sein Enkel Florian konnte sich wieder kaum von den Dinosauriern

losreißen. Von jedem einzelnen Skelett kannte er den Namen des

Sauriers und gab Erklärungen zu deren Lebensweise ab.

Versonnen blieb Mettmann unter dem Skelett des Tyrannosaurus Rex

stehen, als er hinter sich Schritte hörte.

Er wunderte sich, wer sich außer ihm noch so spät im Museum befand,

drehte sich um und runzelte die Stirn.

»Ach, Sie sind es?! Was kann ich noch für Sie tun?«

 

Donnerstag, 13. Mai 2010, 23.55 Uhr

Doktor Philipp Degen rieb sich müde über die Augen. Für einen

Moment flackerte das Licht seiner Bürolampe heftig. In den nächsten

Sekunden ging das Licht noch ein paar Mal kurz aus und sofort wieder

an. ›Was ist denn heute los?‹, dachte er und stand auf. Er öffnete ein

Fenster. Kalte, feuchte Luft schlug ihm entgegen, als er in die dunkle

Nacht starrte. Es war stockfinster hier, mitten im Wald, in der Nacht

vor Neumond. Dass hinter ihm im Zimmer Licht brannte, vereinfachte

Philipp Degens Versuch nicht, mit Blicken die Dunkelheit zu

durchdringen. Erkennen konnte er nichts, aber er hörte kurz das

Rascheln von Blättern. Dies waren im Wald keine ungewöhnlichen

Geräusche. Er schloss das Fenster, da er zu frieren begann, schüttelte

den Kopf und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.

Copyright Kirsten Slottke, 2015