Kirsten Slottke - Autorin

 

Es war noch dunkel, als Leonore Becker am
Willstätter Rathaus ankam. Sie schob ihr
Fahrrad in den metallenen Schopf und
schloss die Tür hinter sich, wobei sie sich bemühte, das kalte
Gitter nicht anzufassen. Im Schein der Straßenlaterne
konnte sie ihren Atem sehen, als sie zum Eingang des Rat-
hauses huschte und mit klammen Fingern die Tür auf-
schloss. Kaum im Innern angelangt, beschlug auch schon
5die dunkle Hornbrille und ihre Nase lief. Während sie ge-
räuschvoll in ein Taschentuch schnäuzte, sehnte sie den
Frühling herbei. Für Anfang Februar war es genauso kalt,
wie meistens um diese Jahreszeit.
Leonore war eine zierliche unscheinbare Frau Ende
zwanzig. Sie stieg die Treppen in den ersten Stock hinauf,
band ihre dunkelblonden Haare zu einem Zopf und holte
den Staubsauger. Während das Gerät laut summend
arbeitete, konnte sie ihre Gedanken fliegen lassen. Als sie
mit dem Vorzimmer der Bürgermeisterin fertig war, schob
Leonore den Sauger in Richtung deren Büro. Sie runzelte
kurz die Stirn, als sie bemerkte, dass die Tür nur angelehnt
war. Normalerweise achtete Frau Marten darauf, dass ihr
Büro immer verschlossen war. Dabei war es egal, ob sie
anwesend oder abwesend war.
Ein menschlicher Zug?, dachte Leonore und glaubte nicht
wirklich daran. Sie stieß die Tür weiter auf, um den lauten
Staubsauger in den Raum zu schieben. Im nächsten
Moment blieb sie stocksteif unter dem Türrahmen stehen
und riss die Augen auf. Ihr Mund öffnete sich und ihrer
Kehle entwich ein heißerer Schrei, der seltsam in ihren
Ohren widerhallte.

Copyright Kirsten Slottke, 2015