Kirsten Slottke - Autorin

 

Prolog

Leandras Bauch spannte, bis er sich bretthart anfühlte, als die nächste Wehe sie überrollte. Sie hielt vor Schmerz den Atem an.
„Durch die Nase einatmen und ganz langsam durch den Mund wieder ausatmen“, sagte die ruhige Stimme der Heb-amme.
Irgendwann während der letzten Wehen musste sie unbe-merkt das Zimmer betreten haben. Leandra versuchte zu gehorchen und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Diesmal gelang es besser. Sie nutzte die Wehenpause zur Entspannung und um Kraft zu sammeln. Sie beobachtete die stämmige Frau mittleren Alters, deren kurzes dunkelblondes Kraushaar an eine Perücke erinnerte. In den vergang¬enen Monaten hatte die Hebamme sie beinahe täglich besucht. Ursprünglich wollte Leandra die Geburt allein durchstehen, weshalb sie nicht um Hilfe rief, als es mit den Wehen losging. Irgendwem jedoch war ihr unterdrücktes Stöhnen aufgefallen und hatte denen Bescheid gesagt. Ihr Bauch krampfte sich wieder zusammen, und sie atmete tief ein und aus. Diesmal gelang es ihr gut. In der nächsten Pause untersuchte die Hebamme sie.
„Der Muttermund ist bei acht Zentimetern“, bemerkte sie nüchtern, während sie den blutverschmierten Handschuh abstreifte.
„Schaff sie in den Kreißsaal“, knurrte eine tiefe Stimme aus Richtung Tür.
Leandras Atem stockte und ihre Hände krallten sich in das Leintuch des Bettes. Ein zweiter Mann, der große Glatz-köpfige, kam ins Zimmer, hob sie aus dem Bett und setzte sie in einen Rollstuhl. Die nächste Wehe ließ sie zusammen-klappen, sodass sie beinahe auf den Boden glitt. Starke Arme hielten sie zurück und schnallten sie fest. Ein Schrei, eine Mischung aus Schmerz und Angst, entwich ihrer Kehle. Nein, dachte sie, nein, nein, ich will nicht. Warum hilft mir denn niemand? Sie wurde an dem großen dunklen Mann vorbei-geschoben und Leandra begann, unkontrolliert zu zittern. Ein Panik¬anfall brachte sie zum Hyperventilieren und einzig ihre Atem¬geräusche durchdrangen die Stille des langen düsteren Flurs. Dann verlor sie die Besinnung.
Der Wehenschmerz brachte sie jäh ins Bewusstsein zurück. Grelles Neonlicht strahlte in ihr Gesicht. Sie kniff die Augen zusammen, ihre Hände ballten sich zu Fäusten, und sie atmete hektisch ein und aus. Eine Ohrfeige warf ihren Kopf zur Seite.
„Stell dich nicht so an, du Schlampe!“
Leandra blickte direkt in die hellgrauen Augen des großen Mannes. Mehr konnte sie nie erkennen, da er immer eine Chirurgenmaske trug. Er drehte sich um, ging drei Schritte von ihr weg und beobachtete das Geschehen aus einigen Metern Entfernung.
Nach einer Stunde hatte sie den Kopf ihres Kindes herausge¬presst, und ein angedeutetes Lächeln umspielte ihre Lippen. Zwei Minuten später hörte sie den Schrei eines Neugeborenen durch den Raum hallen. Leandras Augen wanderten stolz zu ihrem Kind, sie streckte ihm ihre Arme entgegen. Doch die Hebamme trug es zum Untersuchungs-tisch, wo der große Mann schon wartete. Sie spürte, dass sich jemand an ihrem Arm zu schaffen machte, und wandte den Kopf. Ihr Blick traf auf dunkelbraune Augen.
„Ich gebe Ihnen was zur Beruhigung.“ Dann verspürte sie einen Einstich in der Ellenbeuge. Ihre Lider wurden immer schwerer, bis es ihr unmöglich war, sie noch offen zu halten.

 

 

Copyright Kirsten Slottke, 2015